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root 14.12.2016

Ein Verlag reagiert auf das eingesandte Manuskript. Die Bewertung des Lektors - als guter Deutscher darf mann die 55 Prozent der deutschen Frauen nicht vergessen, folglich auch der LektorInnen -  fällt durchweg positiv aus. So positiv, dass man selbst misstrauisch wird. Oder werden sollte. Denn spätestens im Kleingedruckten, sprich am Ende der e-Mail oder des Begleitschreibens, wird klar: Der Verlag druckt dein Buch nur dann, wenn du zahlst.

Welcher Autor, noch dazu Anfänger, freut sich nicht, wenn ein Verlag auf sein Manuskript derart überschwänglich reagiert:

"Sehr geehrter Herr . . .,

vielen Dank für die Zusendung Ihrer Unterlagen, die ich mir soeben mit großem Interesse angesehen habe. Ihr Krimi spielt in einem kleinen Dorf. Hauptfigur ist ein dort lebender Lokalreporter, der beginnt, auf eigene Faust im Mordfall des Bürgermeisters zu ermitteln. Der Leser erfährt aus der Sicht dieser Hauptfigur nach und nach mehr über die vermeintlichen Hintergründe dieser Tat und lernt verschiedene Verdächtige und ihre möglichen Motive kennen, die sich zwischen Eifersucht und kommunalpolitischen Streitereien bewegen. Je mehr Verdächtige auf der Bildfläche erscheinen, desto spannender wird die Lektüre, da jedes Motiv plausibel erklärt wird und es so lange Zeit ungewiss bleibt, wer denn nun der wirkliche Mörder ist.

Ihre Hauptfigur charakterisieren Sie aber nicht nur in Hinblick auf seine ermittlungstechnischen Fähigkeiten, sondern geben auch tiefe Einblicke in sein Privatleben, in welchem er sich mit seiner zerrütteten Ehe auseinandersetzen muss, wodurch diese zwar namenlos bleibende Figur dennoch lebendig und glaubwürdig wirkt. Ihr Krimi ist nicht nur spannend, sondern auch sehr unterhaltsam zu lesen, da Ihre Figuren einen oft ironisch-bissigen Umgang miteinander pflegen.

Besonders Ihre Dialoge empfinde ich als sehr gut gelungen - es ist eine stets besondere Herausforderung, glaubwürdige und natürliche Dialoge zu schreiben, eine Kunst, die viele nicht beherrschen. Alles in allem ist Ihnen mit Ihrem Krimi ein durchweg überzeugendes Buch gelungen, dessen Leseprobe mich sehr gefesselt hat. Ich würde mich über eine Zusammenarbeit an Ihrem Buchprojekt sehr freuen."

Nach den ersten Sätzen sieht man schon die vielen Preise für sein Erstlingswerk am geistigen Auge vorüberziehen. Friedrich-Glauser-Preis, Hansjörg-Martin-Preis, Pulitzerpreis - Nobelpreis. Alles rückt plötzlich in greifbarer Nähe.

Bis man schließlich zum Kleingedruckten vordringt: "Es ist kein Geheimnis, dass die Situation auf dem Büchermarkt gerade für Debütanten überaus schwierig und unsicher ist. Deshalb ist eine Veröffentlichung unbekannter Autoren nicht ohne einen Publikationskostenzuschuss möglich, da das Risiko für uns als kleiner und von großen Medienkonzernen unabhängiger Verlag sonst zu hoch wäre."

Plumps . . . und schon ist man wieder auf dem Boden der Realität. Tschüss Friedrich-Glauser-Preis, ade Hansjörg-Martin-Preis, lebwohl Pulitzerpreis, mach's gut Literatur-Nobelpreis. Da wär' man froh, wenigstens einen Ladenpreis zu haben.

Viel häufiger erhält ein Autor solche Antworten auf sein Manuskript:

"Sehr geehrter Herr . . .,

haben Sie vielen Dank für Ihr Manuskriptangebot. Wir müssen Ihnen  aber leider mitteilen, dass eine Veröffentlichung innerhalb unseres  Verlages nicht in Frage kommt. Dies kann viele unterschiedliche  Ursachen haben. Es sagt also keineswegs etwas über die Qualität Ihrer  Arbeit aus. Wir bekommen jedes Jahr sehr sehr viele Manuskripte  geschickt und können nur einen Bruchteil davon in unser Programm  aufnehmen.Wir wünschen Ihnen aber weiterhin viel Erfolg auf der Suche nach  einem geeigneten Verlag und verbleiben mit freundlichen Grüßen"

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