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Das Leben mit dem Strich

Die erste Unterkunft, die ich in Berlin (West) fand, lag mitten im Straßenstrich. Entlang der Potsdamer Straße standen die jungen knackigen Rinnsteinschwalben. An der Kurfürstenstraße, die erst kurz zuvor durch das Geständnis von Christiane F. ("Wir Kinder vom Bahnhof Zoo") berüchtigt geworden war, war den Junkies vorbehalten. In der Pohlstraße wohnte nun ich. Sie verläuft parallel zur Kurfürstenstraße, zweigt von der Potsdamer Straße ab, und hier hielten sich die älteren Damen des horizontalen Gewerbes auf. Die, die mal auf der Potse begonnen, aber nun in die Jahre gekommen waren und den Absprung nicht gefunden hatten.

Aber sie hatten ihre Prinzpien: "Mit einem Türken würd ich nie . . ." sagte mir mal eine. Kurz nach meinem Einzug ins Haus der alten Frau Zahn koberten mich die Mädels noch an. Irgendwann merkten sie, dass ich da wohne. Von diesem Zeitpunkt an grüßten wir uns wie alte Bekannte, plauderten hin und wieder ein wenig. Nie sehr lang, denn das hielt natürlich potenzielle echte Kunden ab.

Das Zimmer, das ich bei Frau Zahn (der Vorname ist mir entfallen) mietete, war ein dunkles, kaltes Loch mit Kachelofen und Fenster zum beschatteten Hinterhof. Im Sommer angenehm kühl, und im Winter nicht warm zu kriegen. Aber es war außerhalb des Elternhauses meine erste eigene Bude. Weit weg vom traditionell-konservativen, engstirnigen Schwaben.

Die Welt gehörte mir.

Das geisteswissenschaftliche Studium von Publizistik plus zwei Wahlpflicht-Nebenfächern war ehrlich gesagt langweilig. Germanistik riss mich nicht vom Hocker, Politik mit meinem Schwerpunkt DDR - die lag schließlich gleich um die Ecke - machte mich auch nicht fröhlich. Und meine Kommilitonen vom Fachbereich Publizistik träumten noch immer von der Revolution des Proletariats, dem Aufstand der Entrechteten und wohl auch vom real existierenden Kommunismus. Es war irgendwie alles ziemlich verworren und viele der Pubi-Studies noch auf dem Trip der 68er Bewegung, die sich einst aus den Publizisten heraus entwickelt hatte.

Das Studium selbst hatte nur wenig mit Journalismus zu tun, auch wenn es einige wenige Dozenten gab, die  Harry Prost. Foto von seiner Website www.harrypross.desich redlich mühten, uns an ihren eigenen journalistischen Erfahrungen teilhaben zu lassen. Aber es fehlte schlicht und einfach die Praxis. Es gab keine Redaktion in  Berlin, in der wir uns mal umsehen konnten, Redaktionsluft schnuppern. Einzig gab es bei Schering eines Tages eine Pressekonferenz eigens für unser Seminar, von dem ich schon gar nicht mehr weiß, wie es hieß. Auf jeden Fall war der damalige Pressesprecher von Schering einem der Dozenten wohl gesonnen und organisierte diese Veranstaltung für uns. Häppchen inklusive. 

Für Harry Pross, den seinerzeitigen Leiter der Fakultät, empfand ich großen Respekt. Er war Ende der 50, hatte den Krieg miterlebt und sich in der späteren Bundesrepublik publizistische Verdienste erworben. Aber er setzte die Kommunikationswissenschaft meines Erachtens über den Journalismus. Erst als Harry Pross Ende der 70er Jahr das Publizistische Institut der FU verließ und Hanno Hardt sein temporärer Nachfolger wurde, rückte der Journalismus mehr in den Fokus.

Die Berliner Zeitungen und Sender (Fernsehen wie Rundfunk) wurden eingeladen, Seminare zu organisieren. Leitende Redakteure setzten sich zu den Studies, lehrten sie und boten ihnen dann auch Praktikumsplätze in ihren Redaktionen an. Und es war genau das, wonach die angehenden Journalisten von damals lechzten.

Allerdings war ich zu diesem Zeitpunkt schon wieder auf dem Absprung. Mich hatte ein Ruf vom damaligen Spandauer Volksblatt erreicht. Ich arbeitete seinerzeit schon als fester Freier für das im Bezirk erscheinende einstige SPD-Blatt und hatte die Zusage für ein anschließendes Volontariat in der Tasche.

Das passte ziemlich gut, denn kurz zuvor war ich nach Spandau gezogen. In Haselhorst am Brunsbütteler Damm lebte ich mit Gabi. Die hatte ich während eines Ferienjobs in einer Zigarettenfabrik in Spandau kennen gelernt. Kurz zuvor hhate ich das Rauchen aufgegeben. Die Beziehung mit Gabi hielt sechs Jahre, die mit dem Volksblatt kam immerhin auf zehn.

Aber das ist ein ganz neues Kapitel.

Reporter in der angehenden Hauptstadt . . .

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