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root 02.09.2016

 Berlin. Lebenslänglich bedeutet für den einen 15 Jahre, für den anderen den Rest seines Lebens. Die Opfer sind es, oder deren Angehörige, die mit lebenslänglich für den Rest des Lebens bestraft werden - ohne zu wissen wofür und warum. Die Täter wissen: Lebenslänglich sind 15 Jahre. Dann sind sie wieder draußen. Aber so ist das. Vor allem in der so genannten ?Hauptstadt der Kriminalität?.Berlin ist Hauptstadt. Die politische Hauptstadt sowieso. Und vielleicht auch die ?Hauptstadt der Kriminalität?. Hauptstädte waren ja schon immer auch Anziehungspunkt für finstere Gestalten. Egal, ob die durch die Unterwelt huschten oder das politische Parkett bohnerten. Häufig genug taten sie sogar beides, denn der ?Asphalt unter Berlin? ist lang und verbirgt viele Tunnel und Gänge. 28 dieser Gänge und Tunnel, die manches Mal urplötzlich aufbrechen und dann jemanden zu verschlingen vermögen, der eigentlich nie etwas mit der Dämmerwelt zu tun hatte, die hinschlängelt zwischen Illegalität, Verbrechen und Gesetzlosigkeit, hat die Autorin Pieke Biermann jetzt in Buchform herausgebracht.Seit fünf Jahren recherchiert die 58-Jährige die Geschichte hinter der Geschichte. Sie zerpflückt die vordergründige Schlagzeile der Zeitungen undPieke Biermann Fernsehnachrichten. Wo deren Berichterstattung endet, fängt Biermann an.?Pack schlägt sich, Pack verträgt sich? brachte einst der Volksmund vor allem familiäre Streitereien auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Manchmal passiert?s, da ist nix mehr mit vertragen: Da hat der Freund seine Freundin totgeschlagen, erstochen, umgebracht. Vor den Augen ihres sechsjährigen Jungen. Dann hat der Mörder 35 Rote Rosen auf den Körper der Toten ab- und sich mit seinem besten Freund angelegt: Johnny Walker.Da sind die Verkäuferinnen einer Drogeriemarktkette, die sich kaum mehr an ihren Arbeitsplatz wagen, ohne dass sich ihnen vor Angst sprichwörtlich der Magen umdreht. Die Angst vor dem nächsten Überfall, weil nämlich der Kette der eigene Profit Mehrwert ist, als die Sicherheit ihrer Mitarbeiterinnen und sich penetrant weigert, die einfachsten Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Nicht die Täter, die Opfer müssen zurück an den Tatort: ?Die erste Woche allein im Laden war die Hölle,? vertraute ein Opfer Pieke Biermann an. Der Leser empfindet die Angst der Frau, deren Arbeitgeber empfindet nichts.Aber auch Polizisten sind nicht davor gefeit, jenen schmalen Grat zu überschreiten, der Recht und Gesetz von Gewalt und Verbrechen trennt und Mörder zu werden. Wobei in diesem speziellen Fall die Frage unbeantwortet bleibt, ob der Beamte, der seine Freundin erschoss und ihr anschließend den Kopf abhacken wollte, tatsächlich eine Macke hat oder nur vollendet die Macke spielt. Aber keiner hat?s erfahren.Der Polizist einer Spezialeinheit erzählt auf jeden Fall nach dem Mord, er habe ?Odin ein Opfer bringen? müssen. Warum? Wieso? Niemand weiß darauf eine plausible Antwort. Vielleicht wollte der Polizist auf diese Weise seine privaten Probleme ein für alle mal lösen, aber deswegen nicht ins Gefängnis? Wenn dies sein Plan war, ging er auf. Der Täter sitzt in der Psychiatrischen Abteilung einer Klinik, die Frau ist tot. Wieder Opfer. Wieder für den Rest des Lebens. weso

Pieke Biermann, Der Asphalt unter Berlin - Kriminalreportagen aus der Metropole, Pendragon Verlag Bielefeld, ISBN 978-3-86532-104-6, 14,90 Euro.

 Interview mit Pieke Biermann zu "Asphalt unter Berlin".

Frage: Frau Piermann, wie kommen Sie an die von Ihnen beschriebenen Fälle?

Vor allem durch Menschen. Ich lebe seit fast 40 Jahren in Berlin, und so eine Großstadt ist ja voller Menschen aus den verschiedensten Erfahrungswelten. Und nun bin ich zwar Schriftstellerin, aber im Kulturbetrieb hab ich mich eigentlich am allerwenigstens rumgetrieben. Ich bin lieber da, wo etwas neu für mich ist, fremd vielleicht. Ich habe auch seit über 20 Jahren direkte Kontakte, Begegnungen mit Polizisten aller Art. Das fing an, als ich für meinen ersten Kriminalroman recherchieren wollte ? Ich kannte ja (außer von Demos und Falschparken) keine Polizisten! Über die Jahre hat sich daraus ein richtiges Netz entwickelt, ich kenne eine Menge Polizisten - Männer wie Frauen selbstverständlich -, die nicht bloß interessante, wichtige Arbeit machen, sondern auch einfach interessante Menschen sind. Auch von da kommen viele Geschichten und vor allem andere Perspektiven.

Frage: Wie reagierten die Opfer bzw. deren Angehörige, wenn Sie sie ansprechen, um das ganz persönliche Schicksal noch ein Mal aufzurollen?

Ich würde nie jemanden zum Erzählen treiben, der/die das nicht selber möchte, und ich nehme mir ganz "unökonomisch" viel Zeit. Ich frage nie jemanden aus, ich kann das gar nicht, ich bin viel zu schüchtern dazu. Ich versuche immer, Gespräche "auf Augenhöhe" oder "auf einer Wellenlänge" möglich zu machen. Ich kann auch mit weinen, lachen und schweigen, und manchmal  haben wir uns auch in den Armen gelegen. Alle, die mir ihre Geschichten anvertrauen, wissen vorher, dass ich nichts davon weitergebe, bevor sie es nicht gelesen und für gut befunden haben - für sich. Ich bin nur eine Art Katalysator.

Frage: Welches der von Ihnen geschilderten Schicksale hat Sie persönlich am meisten berührt?

Das kann ich gar nicht sagen. Ich glaube, ich sauge die Geschichten, die Menschen, den Horror und den Überlebensgeist nach dem Prinzip der größtmöglichen Berührung auf, ich kann das nicht hierarchisch sortieren. Aber manche Schicksale bleiben mir länger und lebhafter in Erinnerung als andere, weil die Gewalt, die da in ein Leben eingebrochen ist, so nachhaltig und irreparabel weiter wütet.

Pieke Biermann, Jahrgang 1950, lebt seit 1976 in Berlin und ist Schriftstellerin und Übersetzerin (Italienisch, Englisch). Für ihre Kriminalromane wurde sie drei Mal nacheinander mit dem "Deutschen Krimipreis" ausgezeichnet; 1990 wurde sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt prämiert. Ihre Kriminalreportagen erscheinen regelmäßig in einer Berliner Tageszeitung und werden im RBB-Rundfunk ausgestrahlt.

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