Rezension

Was wäre wenn . . . Hitler den Krieg gewonnen hätte

Mit “Vaterland” kam Robert Harris 1992 in Deutschland gar nicht gut an. Er wagte sich an ein Thema, das in Deutschland tabu war, ist. Das Thema “was wäre wenn . . .” was wäre mit Europa, mit der Welt geschehen, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte?

Bei Harris ist genau das passiert und Europa, England inklusive, das europäische Russland, Frankreich und Deutschlands Satellitenstaaten wie Italien, Spanien und Portugal sind faschistisch.

Es ist April 1964, die Vorbereitungen zu Führers 75. Geburtstag im von Hitlers Leibarchitekten Albert Speer gestalteten Berlin laufen, da wird eine Leiche im Wannsee gefunden. SS-Sturmbannführer Xaver März, Mordermittler der Berliner Kriminalpolizei, übernimmt den Fall und macht auch weiter, als die Gestapo ihm längst den Fall aus den Händen genommen hat.

Der Tote ist ein ehemaliger hochrangiger Nazi, sein Tod nur einer in einer langen Reihe von Todesfällen anderer einstiger Nazigrößen. Manche starben bei Unfällen, anderer scheinbar eines natürlichen Todes, andere brachten sich um. Alle hatten eines gemeinsam: Zusammen mit Gestapo-Chef Reinhard Heydrich – ja bei Robert Harris lebt er noch, tatsächlich starb er am 4. Juni 1942 bei einem Attentat  in Prag – gehörten sie zu den Teilnehmern einer aus 15 hochrangigen Vertretern der nationalsozialistischen Reichsregierung und SS-Behörden bestehenden Gruppe, die sich am 20. Januar 1942 in einer Villa am Großen Wannsee getroffen hatten.

Dabei wurde in den Grundzügen die Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas zur Vernichtung in den Osten organisiert und die erforderliche Koordination sichergestellt. Eine Entscheidung, die der Bevölkerung in der Parallelwelt von Robert Harris Roman nicht bekannt ist, und die auch nicht bekannt werden soll. Denn grade beginnen die außenpolitisch verhärteten Fronten zwischen dem Deutschen Reich und der USA, die bisher im Kalten Krieg miteinander lebten, zu bröckeln. Schließlich hat US-Präsident Joseph Kennedy ein Treffen mit Adolf Hitler angekündigt. Sollte die Welt vom organisierten Völkermord an den Juden erfahren, wäre es ein Todesstoß für die bevorstehende Entspannungspolitik und womöglich sogar für das Bestehen des Großdeutschen Reiches.

Harris gelingt es, eine düstere Atmosphäre zu schaffen, in der sich SS-Mordermittler (welch ein Widerspruch) auf immer dünner werdenden Eis bewegt. Dabei schafft Harris keinesfalls, wie ihm bei Veröffentlichung dieses Debütwerkes vorgeworfen worden war, Deutschfeindlichkeit. Vielmehr scheint er bei seinen Beschreibungen über die Dikatatur und deren Herrschaft über jedes Individium bis hinein in die Familien, Studien in der DDR gemacht und Anleihen bei einem seiner berühmtesten schreibenden Landsmänner genommen zu haben: Bei George Orwell und seiner Zukunftsvision “1984”.

Vieles in “Vaterland” erinnert an diesen berühmten Roman, über die Vorgehensweise von Diktaturen, Geschichtsbegradigung und  Beeinflussung von Menschen. Und wer sich partout nicht zurechtbiegen lässt, wird eben umgebracht.

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