Blog, Rezension

Fred Vargas und die Kreuzberger Nächte

Nahe Nîmes in Südfrankreich sterben drei Männer – sämtlichst um die 80 – am Biss der Einsiedlerspinne. Seltsam, findet Kommissar Adamsberg in Paris, denn der Biss dieser zurückgezogen lebenden Spinne ist selten und selten tödlich. Auch wenn er durchaus schwere Verletzungen und bleibende Schäden beim Opfer hinterlassen kann. Seine Ermittlungen führen den Kommissar in ein Waisenhaus in Südfrankreich und 70 Jahre zurück in die Vergangenheit. Alle Opfer gehörten einer Jugendbande an, die die anderen Waisenkinder im Heim schikanierten und terrorisierten. Und dann opponiert plötzlich Danglard, der Stellvertreter von Adamsberg, gegen seinen Vorgesetzten und beginnt, dessen Ermittlungen zu hintertreiben. Welches Motiv hat Danglard?

Der Stil von Fred Vargas hat etwas gemeinsam mit den Kreuzberger Nächten. Ob die Gebrüder Blattschuss seinerzeit Vargas lasen, darf bezweifelt werden. Und ob Vargas das Lied des damaligen Trios hörte, ebenfalls. Aber wie die „Kreuzberger Nächte“ fangen Vargas Romane eben „ganz langsam“ an. Meistens jedenfalls. Nicht so das neueste Buch „Zorn der Einsiedlerin“. Das beginnt mit einem Mord. Den allerdings hat Commissaire Jean-Baptiste Adamsberg schon nach knapp 60 Seiten gelöst. Nur durch Beobachtungen, durch die ihm die dreckigen Fingernägel des sonst ebenso gepflegt wie blasiert auftretenden Maître Carvin auffallen, entlarvt er den Rechtsanwalt als Mörder seiner Frau, der die Tat einem Nachbarn in die Schuhe schieben will.

Ja und dieser Einstieg ist eben ungewöhnlich für Fred Vargas. Der ist eigentlich eine Frau. Die französischen Schriftstellerin, Historikerin, Mittelalterarchäologin und Archäozoologin Frédérique Audoin-Rouzeau hat sich diesen Künstlernamen zugelegt.

Fred Vargas. ©Benjamin Decoin/Visual Photo Press Agency

Aber noch während der Maître des Mordes überführt wird, verfällt Vargas wieder in ihren ursprünglichen, etwas skurrilen Stil: Adamsberg wittert in mehreren Todesfällen in Südfrankreich Schlimmes. Am Biss der „Einsiedlerspinne“ sollen mehrere ältere Menschen verstorben sein. Adamsberg wird argwöhnisch. Wie er auch in den anderen Büchern von Vargas durch einerseits zwar nicht alltägliche, andererseits in einer Großstadt wie Paris auch nicht ungewöhnliche Ereignisse aufmerksam wird. Spinner gibt es eben überall und seien wir ehrlich – le Commissaire Jean-Baptiste Adamsberg darf ebenfalls zu den skurrilen Figuren gezählt werden, die Vargas Werke bevölkern.

Eigentlich haben die Charaktere von Vargas sämtlichst einen Knall. Oder, um es positiv auszudrücken, sie unterscheiden sich deutlich von dem, was sowohl in der Kriminalliteratur wie auch im richtigen Leben als „normal“ angesehen wird.

Somit sind Vargas’ Romane auch nicht „normal“; sie unterscheiden sich innerhalb des Genres klar vom Mainstream.

Genau deshalb polarisiert Vargas die Leser. Man mag ihre Bücher, oder man mag sie nicht. Dazwischen gibt es ganz wenig Grauzone. Verstärkt wird die Polarisierung durch den manierierten Stil der Autorin, ihre gewöhnungsbedürftigen Dialoge. Die allerdings ihrerseits zu den Figuren passen, die oft autistisch scheinende Parameter aufweisen.

Im „Zorn der Einsiedlerin“ ging Vargas einen anderen Weg und startet mit einem Mord. Der Start in einen Plot, wie ihn nahezu alle Autoren wählen. Entgegen Vargas’ sonstiger Gepflogenheit durfte ihr Kommissar Adamsberg nicht lange sinnieren, philosophieren und hinterfragen. Ihm legte die Autorin das Offensichtliche direkt hin. Was durchaus als Beleg gelten darf, dass sie sich mit dieser Art, einen Kriminalroman zu schreiben, so gar nicht anfreunden konnte. Um etwas mehr Handlung in den sonst oft müde plätschernden Erzählstrang zu bringen, kommt der Kommissar zusätzlich  innerhalb von 36 Stunden einem Vergewaltiger auf die Spur, den seine Kollegen vom anderen Arrondissement schon Monate vergeblich nachspüren.

Wie auch Sherlock Holmes ist Adamsberg, der aus der Béarn am Fuß der nördlichen Pyrenäen stammt und daher irgendwie einem Bergvolk anzugehören scheint, eine Ausnahme unter den detektivischen Ermittlern. Adamsberg kann im Nebel sehen. So beschreibt Vargas dessen besondere Gabe, Zusammenhänge zu erahnen, die andere nicht erkennen. 

Aber dann kommen die Spinnenbisse und deren tödliche Folgen ins Spiel, und Adamsberg darf wieder zu seiner alten, bewährten und von vielen auch geliebten Form auflaufen.

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