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Relotius ist überall. Teil II

Relotius ist überall. Teil I

Dass nun auch im Lokaljournalismus hin und wieder ein Zitat erfunden wird, ist gang und gebe. Wer kann es schon nachprüfen, wenn man jemanden namenlos zitiert. Es gibt viele Menschen, die einem Journalisten durchaus etwas sagen und gleichzeitig betonen: “Meinen Namen schreiben Sie aber bitte nicht!” Das kennt auch der Lokalchef und in den meisten Fällen hat Verständnis.

Ganze Passagen zu fälschen, fällt eher schwer bei der relativen Kompaktheit eines Zeitungsartikels. In der Regel verfügen Tageszeitungsredaktionen auch nicht über die Kapazitäten, alle Fakten nach zu recherchieren. Die Kontrolle besteht normalerweise darin, dass ein Kollege den Artikel durchliest, ihn auf korrekte Orthografie und Grammatik überprüft. Also redigiert. Lediglich, wenn er etwas nicht versteht oder er es aufgrund seines Wissens und seiner Erfahrung als falsch oder ihm zumindest nachfragenswert erscheint, tut er dies auch.

Eine zweite, oder wenn man so will nach dem Autor dann dritte, Instanz, das Korrektorat, wurde erst vor wenigen Jahren wieder eingeführt, nachdem es in vielen Redaktionen aus Gründen der Einsparungen und mit dem Hinweis, es gebe im verwendeten Computerschreibsystem eine Rechtschreibkorrektur, aufgelöst worden war. Die steigende Zahl der Schreibfehler und damit verbundenen Leserproteste lösten ein Umdenken in den Redaktionen aus.

Das aber hat nichts mit Relotius zu tun. Allerdings erinnere ich mich an einen Fall, der mich persönlich betraf und damals mein journalistisches Selbstverständnis erschütterte. Es war so um 2004/2005 als in Berlin nach und nach der Fernsehempfang auf DVB-T (damals noch der Standard 1) umgestellt wurde. Immer wieder beklagten sich Betroffene über Empfangsstörungen. Vor allem die RBB-Abendschau berichtete häufiger darüber, dass insbesondere in den südöstlichen Bezirken wie Köpenick es keinen Empfang gebe. Aber genaues, wo, wie, wer wurde auch nicht gesagt. Was meinen Chef, einen einstigen TAZ-Redakteur, aber nicht hinderte, mich loszuschicken, um Leute zu finden und zu interviewen, die Probleme mit dem DVB-T-Empfang hatten.

Ich durchkämmte also nachmittags Köpenick wie den Heuhaufen nach der Nadel, insbesondere die ländlichen Einfamilienhaus-Gebiete, klingelte und versuchte den Leuten – so sie überhaupt zu Hause waren und nicht arbeiteten – einige Sätze zu entlocken. Aber alles, was ich hörte war: “Kein Problem. Wir haben ja schon seit Jahren Sky, weil der Fernsehempfang hier unten ohnehin unter aller Sau ist.”

So oder ähnlich äußerte sich etwa ein Dutzend Menschen, die ich zuvor auch noch überzeugen musste, dass ich ihnen kein Zeitungsabonnement andrehen wollte.

Irgendwann hatte ich die Nase voll von der Ergebnislosigkeit meiner Bemühungen, fuhr zurück in die Redaktion und erstattete Bericht. Aber statt Verständnis zu zeigen, schrie mein Lokalchef mich nur an: “Hast du mal wieder eine Recherche versemmelt!”

Meine Entgegnung war nicht dazu angetan, unser ohnehin zerrüttetes Verhältnis zu verbessern: “Wenn du willst, dass ich die Leser anlüge, möchte ich das von dir bitte schriftlich!”

Daraus habe ich gelernt – und das passt wieder zum Fall Relotius – dass es durchaus Ressortleiter gibt, denen eine erfundene Geschichte lieber ist als eine auf Fakten beruhende. Vor allem nicht auf Fakten, die sich bei der Recherche ergeben und nicht in das erwartete Ergebnis des Ressortleiters über die geplante Geschichte passen.

Das muss jetzt nicht auf den Spiegel zutreffen. Aber Claas Relotius ist offenbar eine Person, die seinen Mitmenschen, Kollegen und Vorgesetzten lieber Märchen auftischte, als zuzugeben, dass er es nicht schaffte, eine Aufgabe zu lösen und einen Auftrag zu erfüllen.

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