. . . als Journalist, Blog

Relotius ist überall. Teil I

Ich bin Journalist. Seit mehr als 40 Jahren schreibe ich für Zeitungen. Ich bin nur ein Tageszeitungsjournalist und einer meiner Chefs warf mir mal vor, ich sei kein überragender Stilist. Ich bin folglich kein Claas Relotius. Auch deshalb nicht, weil ich nie Preise gewann. Das stimmt so nicht ganz. Für eine Serie über die Berliner Bezirke erhielt der Tagesspiegel, bei dem ich seinerzeit arbeitete, in den 90er Jahren – das genaue Jahr ist mir entfallen – den Konrad-Adenauer-Preis für Lokaljournalismus. Als Mitverfasser dieser Serie gehöre ich wohl irgendwie zum Kreis der Preisträger.

Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen drängte ich mich nie nach Preisen und Auszeichnungen. Ganz ehrlich, für mich war es Auszeichnung genug, wenn nach zeitaufwändiger, mühsamer Recherche wieder eine exklusive Geschichte über kritikwürdige Interna der Berliner Polizei von mir im Blatt erscheinen konnte. Das war damals, als der im Kollegenkreis gebräuchliche Begriff der “Geschichte” als Synonym für einen Artikel noch nicht mit dem Relotius-Virus des Märchens infiziert war. Aber schon damals war zumindest im Tagesspiegel immer mehr spürbar, dass man sich hinsehnte zu den schön geschrieben Geschichten. Essays auch im Lokalen. Witzig, spritzig, humorvoll, leicht zu lesen sollte es sein. Angespitzt und lesegerecht rundgelutscht.

Wer den Grundstein dafür legte, ist mir entfallen. Aber ich erinnere mich gut an einen eigens eingekauften Mitarbeiter, angesiedelt in einer der oberen Etagen, ausgebildet in den USA, der nun im Zusammenhang mit einem Relaunch genannten neuen Layout auch die Sprache auf Vordermann bringen sollte. Davon abgesehen, dass dieser Mann, Journalist wage ich ihn nicht zu nennen, unbedingt das “Honey” einführen wollte.

“Jede Seite braucht ein ‘Honey'” pflegte er uns einzutrichtern. Was denn nun ein “Honey” sei, wollten wir tumben Lokaljournalisten wissen. Und in seiner etwas herablassenden Art erklärte er, “Honey” sei ein ganz besonderes Lesestück, bei dessen Frühstücks-Lektüre der Leser seine Frau/ihren Mann frage: “Ohhh, Honey, did you read that?”

Das gipfelte dann in einer abendlichen Überschriftenkonferenz unmittelbar vor Redaktionsschluss, bei der dieser Herr in die Lokalredaktion kam und sich unsere Überschriften vornahm. Wogegen erst mal ganz und gar nichts einzuwenden ist.

Aber nun muss ich mich insoweit entschuldigen, als ich das meiste aus dem Gedächtnis referiere. Ich habe mir nie Notizen gemacht, um damit später in meiner Biografie glänzen zu können wie dies Politiker tun. Oder angesehene und weithin bekannte Journalisten. Zu denen ich mich nicht zähle. Ich bin eher ordentlicher Handwerker. Nur falls jemand fragen sollte.

Nun ging es an diesem Abend in den 90er Jahren um die Freiheitsglocke, dem Geschenk der Amerikaner, die im Turm des Rathauses Schöneberg hing, das damals noch Regierungssitz des Landes Berlin war, bevor das “Rote Rathaus” in Berlin-Mitte fertig umgebaut war. Also diese Glocke wurde, sei es nach einer Reparatur oder einer Überprüfung, wieder aufgehängt, zur Probe geläutet und im Tagesspiegel erschien ein Bericht dazu, über dem eine dem Herrn Redakteur unbillige Überschrift stand. Und daher dichtete er mit schnellem Schwung: “Ding-Dong die Glocke klingt!” Erst auf den geharnischten Protest eines Großteils der Lokalredakteure strich er sie wieder.

Dichtung, Lesefreundlichkeit und Wahrheit liegen oftmals nur einen Federstrich auseinander. Wobei, das muss man zugeben, die Überschrift nicht gelogen wäre. Aber sie hätte die Intelligenz der Tagesspieler-Leser beleidigt; ebenso wie sie die Kreativität der Lokalredakteure mit Füßen trat.

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