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Relotius ist überall. Teil III

Relotius ist überall. Teil I
Relotius ist überall. Teil II

Relotius, der es offenbar verstand, mit seiner Schreibe, seinem Stil, seiner Erzählweise zu glänzen und zu beeindrucken, stieß damit auf offene Türen bei den Ressortleitern und auf taube Ohren für Kritiker. Dabei war der Spiegel schon immer auf seinen besonderen Schreibstil stolz.

Ich erinnere mich an eine Vorlesung, die der damalige Hochschullehrer Alexander von Hoffmann (1924-2006) an der FU Berlin, Institut für Publizistik, hielt. Der einstige Spiegel-Journalist erklärte uns Studenten, von denen viele zur Journalisten-Generation der folgenden 40 Jahre gehören sollten, dass der Spiegel eine eigene Abteilung habe, in der die Artikel der Redakteure und freien Mitarbeiter, die den Spiegel-Schreibstil nicht beherrschten, auf den dem Magazin eigenen Stil getrimmt werden.

Ein Stil, den ich in ähnlicher Form, immer wieder fand. Sei es im Stern oder im Playboy, der nicht nur propere nackte Mädels druckte, sondern auch sehr gute Reportagen veröffentlichte. Vielleicht tut es das Magazin ja noch immer.

Über den Schreibstil die Leserschaft zu binden, ihm den Mund wässrig zu machen auf mehr, ihr das Gefühl zu vermitteln, sie sei mittendrin in dem, was der Reporter sieht, empfindet, erlebt ist ergo nicht nur dem Spiegel eigen. Aber bei ihm hat man es exzessiv ausgearbeitet.

Was jeder Zeitungsvolontär lernt, nämlich die strikte Verleugnung der eigenen Meinung in einem Artikel und die Konzentration auf die Darlegung der gesammelte Fakten, gilt bei den Magazinen schon lange nicht mehr.

Wenn die Hamburger Morgenpost Relotius mit dem Satz zitiert “Ich versuche, für mich zu schreiben. Ich versuche, meine Geschichten so zu schreiben, wie ICH sie gerne lesen würde.“, dann hat Relotius recht. Ein Journalist, der die eigene Geschichte gern liest, kann davon ausgehen, dass auch der Leser sie genießt. Was natürlich nicht heißt, dass er “Fakten” und Personen erfindet, Zitate fälscht und sich seine eigene Wahrheit zimmert.

Im selben oben zitierten Artikel der Hamburger Morgenpost sagt Relotius zur Frage der Quellennennung: “Mich stört das im Text, wenn das immer davor steht: Das weiß ich jetzt von dieser Quelle . . .”

So wie er es hier darstellt, stört es jeden. Der Lesefluss stockt, der Leser wird aus den Gedanken gerissen und fragt sich – insbesondere bei ellenlangen Texten wie beim Spiegel – wer war denn jetzt grade mal dieser oder jener? Wo gehört der hin, welche Gruppe vertritt er.

Aber ehrlich, ein herausragender Schreiber und Stilist wie Relotius hätte es mit wenigen journalistischen Kunstgriffen geschafft, die Quelle einzufügen und den Leser in seinem Lesevergnügen nicht zu stören. Das schafft jeder einigermaßen begabte Lokaljournalist, der von den Schreib-Qualitäten eines Relotius meilenweit entfernt ist.

Und wenn Relotius mit seiner Bemerkung sagen wollte, er sei dazu nicht in der Lage, dann war er eben doch nicht der große Stilist, nicht die Edelfeder, als die ihn der Spiegel jetzt hinstellt. Dann müssen sich sowohl die Spiegel-Leute als auch die Jurys der unterschiedlichen Preisverleihungskomitees, die Relotius mit Ehrungen überschütteten, fragen und fragen lassen: “Wo verdammt noch Mal ist euer gesunder Menschenverstand, wo ist euer Urteilsvermögen geblieben, die euch berechtigen, ein solches Amt, eine solche Aufgabe, wahrzunehmen!”

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