Blog, Rezension

Der Tote in der Kapelle

Der typisch britische Kriminalroman hat alles, was man von einem typisch britischen Kriminalroman erwartet: Ein altes Schloss, in dem es spuken soll, ein taffes Schlossfräulein, ein biestiges Schlossfräulein, eine charakteristische ländliche englische Umgebung mit viel wabernden Nebel, gefährlichen Moorlöchern und ein gut gehütetes Geheimnis – Zutaten also, um nach bewährtem, altem Rezept einen düsteren Kriminalroman zusammen zu rühren.

Elizabeth Edmondson gelingt dies mit Routine und hin und wieder einem Augenzwinkern. “Der Tote in der Kapelle” wird erst reichlich spät gefunden, nachdem die Protagonisten in ihrer Umgebung ausführlich vorgestellt wurden. Man erfährt, dass das Schloss während des Krieges dem Nachrichtendienst diente, das auch jetzt, acht Jahre nach Kriegsende, dort noch immer eine Außenstelle des Geheimdienstes sitzt und Hugo Hawksworth, einst erfolgreicher Außenagent, bei einem Einsatz angeschossen wurde. An den Folgen der Beinverletzung leidet er noch immer. Er lahmt. Daher wurde er in den Innendienst versetzt. Samt seiner – etwas zu altklug geratenen – erst 13 Jahre alten Schwester Georgia, um die er sich seit dem Tod der Eltern kümmert, verlässt er London und zieht in das Schloss.

Der Schlossherr, Earl of Selchester, verschwand sieben Jahre zuvor in einer stürmischen Winternacht. Nun wird plötzlich bei Reparaturen in der Schlosskapelle im Fußboden unter den Steinfliesen ein Skelett gefunden. Der Earl of Selchester?

Tatsächlich. Das Skelett wird als die sterblichen Überreste des Earls identifiziert. Wie gelangt er in der Kapelle unter die Erde? Die Polizei interessiert es nicht. Die will einen alten Fall endlich abschließen. Vielleicht auch unter Einfluss des Geheimdienstes wird eine Geschichte konstruiert. Vater Earl und Sohn Earl hatten nie das beste Verhältnis, aber am Abend des Verschwindens von Vater Earl einen deftigen Streit. Die Ermittler beschließen, Sohn Earl zum Sündenbock zu machen, was umso leichter fällt, als dieser in Palästina gefallen ist. Als Mittäterin wird Freya Wryton ausgewählt, eine im Schloss lebende und Earl Junior nahestehende Nichte des Ermordeten. Was weder der Lady noch Hugo gefällt.

Und so beginnen beide auf eine unaufgeregte Art zu recherchieren und sind natürlich bald klüger als die Polizei. Wozu nicht viel gehört.

Aber grade diese unaufgeregte Art und Weise des Plots macht ihn gleichzeitig interessant und lesenswert. Mal wieder etwas, in dem normale Menschen vorkommen. Keine Psychopathen wie in den zahlreichen Titeln skandinavischer Autoren, keine Superhelden wie beispielsweise Jason Bourne. Kein Knall – Peng – Wumm. Nein schlichtes, kühles, britisches understatement.

Elisabeth Edmondson, geboren 1948 in Chile, verstorben 2016 in London, hat in ruhiger Agatha-Christie-Art – allerdings mit mehr Logik und weniger Überraschungseffekten – ihren Plot gestaltet und in eine Zeit verlegt, die den meisten heutigen Lesern weit entfernt ist, um sie erlebt zu haben, aber nah genug, um sich irgendwie darin zurecht zu finden. Daneben erfährt man einige historische Nebensächlichkeiten. Zum Beispiel, dass es in England 1953 noch Lebensmittelkarten für einige rationierte Lebensmittel gab.

Als deutscher Leser sollte man wissen, dass hier damals langsam der wirtschaftliche Aufschwung begann, Lebensmittelkarten in Deutschland bereits 1950 abgeschafft wurden. Das wiederum führte dazu, dass die Briten gegenüber Deutschland sehr distanziert eingestellt waren. Die Briten als Sieger mussten hungern, während die Deutschen als Kriegstreiber und Kriegsverlierer auf einmal besser dastanden. Ein Widerspruch, den die Engländer den Deutschen lange nicht verziehen. Aber daran rührt auch Elisabeth Edmondson nicht. Sie zieht ihren Plot durch und am Ende werden nicht nur Earl Selchester Junior und Freya Wryton von jeglichem Verdacht befreit, Hugo Hawksworth gelingt es zudem, einen Maulwurf in den eigenen – nachrichtendienstlichen – Reihen zu enttarnen.

Ein Krimi mit Spionageanteil, der durchaus tauglich ist, die Langweile der kalten Wintermonate auf der Couch und vor dem Kamin zu vertreiben oder während des Urlaubs am Strand die Zeit zwischen zwei Cocktails zu verkürzen. Da schadet es auch nicht, dass Elizabeth Edmondson nicht alle Fäden, die sie im Lauf des Plots spann, am Ende wieder verknüpft. Durchaus lesenswert also.

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