Blog, Rezension

Nicht überall, wo Grisham drauf steht …

Forderung von John Grisham

John Grisham gehört nach nunmehr 30 Jahren auf dem Bestsellermarkt und durchschnittlich jährlich einem neuen Roman nicht mehr zu den Vielschreibern. Eher sollte man ihn als Fließbandschreiber einordnen.

Und wie ein Fließband vorwiegend qualitative Durchschnittsware liefert statt hochwertige Einzelfertigung, so produziert auch John Grisham inzwischen literarischen Durchschnitt. Okay, der liegt qualitativ meist immer noch über dem Niveau zahlreicher anderer Autoren, die den Markt und die Buchläden mit ihrem Schrott zuschütten. Hat gegenüber den Büchern, mit denen Grisham bekannt wurde (Die Jury, Die Firma, Die Akte, Der Klient, Der Regenmacher) und die erfolgreich verfilmt wurden, aber deutlich an erzählerischer Qualität verloren. In allen seinen bisher erschienenen rund 26 Justiz-Büchern nimmt sich Grisham einen besonderen Bereich des amerikanischen Systems zum Thema und beleuchtet ihn aus Sicht der Protagonisten kritisch aus vielerlei Blickwinkeln. In “Forderung” ist es mal wieder das Rechtssystem der USA sowie die Auslagerung öffentlich-rechtlicher Aufgaben an private Unternehmen. Wobei letzteres ja auch durchaus schon in Deutschland gang und gebe ist. Man denke nur an die Kontrollen von Reisenden und deren Gepäck an den deutschen Flughäfen, die seit Jahrzehnten von privaten Sicherheitsdiensten vorgenommen werden.

Mark Frazier, Todd Lucero und Zola Maal sind die Helden in Grishams 2018 erschienenen Roman “Forderung”, der als Hörbuch vorlag und den wiederum Charles Brauer las. Allerdings erschien er stellenweise gelangweilt und erweckte den Eindruck, als wolle er die Sache schnell hinter sich haben. Nachvollziehbar, wenn man sich die elendig lange Einleitung mit der sehr detaillierten Vorstellung der Protagonisten anhört, das System der privaten Jura-Hochschulen in den USA am Beispiel der imaginären Foggy Bottom High School erklärt bekommt und hofft, es möge endlich etwas passieren.

Passiert dann auch. Als Gordon Tanner, Freund und Kommilitone von Mark Frazier, Todd Lucero und Zola Maal, Selbstmord begeht, wachen sie auf. Bevor Gordon Tanner von der Brücke in den Potomac springt, hat er recherchiert, dass die Foggy Bottom wie viele andere private Hochschulen nichts anderes ist, als eine Gelddruckmaschine für die, die unsichtbar dahinter stecken. Diese privaten Hochschulen locken Studenten an, die an renommierten Universitäten keine Chance haben, versprechen ihnen glänzende Berufsaussichten mit bester Entlohnung, womit sie dann die Stipendien zurückzahlen könnten, die ihnen mit staatlicher Förderung nachgeschmissen werden.

Nach dem Tod ihres Freundes Gordon Tanner erkennen die Drei, in welchem Dilemma sie eigentlich stecken. Ihre unzureichende universitäre Ausbildung gepaart mit Schulden für Stipendien, die für jeden bei um die 200.000 Dollar liegen, lässt sie ahnen, dass ihre Erfolgsaussichten auf einen gut bezahlten Job in einer angesehenen Kanzlei ein Traum bleiben wird. Sie schmeißen das Studium, machen sich ohne Abschluss selbstständig und suchen nun in den Gerichtssälen unter den dort auf ihre Anhörung wartenden Kleinkriminellen, den Autofahrern, die sich wegen Trunkenheit oder Geschwindigkeitsüberschreitungen verantworten sollen, nach Klienten.

Das wirft mal wieder ein schräges Licht auf das US-Justizsystem, denn offenbar können die Anwälte dort sich ohne bei einem Gericht registriert zu sein, juristisch betätigen. Genau das tun Mark Frazier, Todd Lucero und Zola Maal. Und damit beginnen ihre Probleme, die Grisham zudem auf zwei weitere Ebenen erstreckt.

Da sind einerseits Zola Maals Eltern, die 26 Jahre zuvor illegal aus dem Senegal auswanderten und nun abgeschoben werden sollen. Zola Maal ist ausgenommen, da sie in den USA geboren wurde und damit automatisch die US-Staatsbürgerschaft erhielt. Eine weitere Ebene spielt im familiären Umfeld von Mark Frazier, dessen jüngerer Bruder wegen Drogenhandels bereits mit einem Bein im Knast steht.

Grisham ist zurückgekehrt in sein ureigenes Metier als Anwalt. Er studierte Jura, praktizierte mehr als ein Jahrzehnt als Anwalt und begann, seinen ersten Roman (Die Jury) zu schreiben, nachdem er als Jurist ein Verfahren um die Vergewaltigung eines minderjährigen Mädchens erlebte.

Aber wo bei Grishams Frühwerken noch Spannung herrschte, Suspense erzeugt wurde, wo der Leser gepackt und mitgezogen wurde, herrscht hier eine gähnende literarische Leere vor. Grisham hat sich mit seinen 64 Jahren genügend Dollars erschrieben, um durchaus auch mal eine kreative Pause einlegen zu können. Denn, das zeigt “Forderung” deutlich, nicht überall, wo Grisham draufsteht, ist inzwischen Grisham drin.

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