Eine Stilblüte macht ganz bestimmt keinen Frühling

Jeder, der schreibt und das auch veröffentlichen möchte, sollte sein Handwerkszeug kennen und möglichst auch beherrschen. Das Handwerkszeug ist die Sprache, in der derjenige schreibt, die Grammatik, die Orthographie und das dann gewürzt mit etwas Stilistik.

Nicht jeder kann das und doch versuchen viele zu schreiben und eine Leserschaft zu gewinnen und mit ihren Ergüssen zu quälen.

Zugegeben, auch den Profis, vor allem unter Druck schreibenden Journalisten, passieren Fehler. Nicht umsonst ist der “Hohlspiegel” im Spiegel eine der meist gelesenen Rubriken.

Vor kurzem erhielt ich eine Mitteilung der Pressestelle der Generalstaatsanwaltschaft Berlin, die über den Mord an Prof. Dr. Fritz von Weizsäcker berichtete und schrieb: “Der Getötete ist noch am Abend an den Folgen des erlittenen Halsstiches gestorben.” (PM vom 20. November 2019).

Nun stellt sich mir die Frage, ob der verhaftete Tatverdächtige wegen Doppelmordes angeklagt wird.

Stilblüten entwickeln sich gern, wenn der Autor den korrekten Umgang mit seinem Handwerkszeug nicht gelernt hat – also weder Orthographie, Kommasetzung noch Grammatik beherrscht und ihm dazu das Gefühl für Stilistik abgeht.

Dieser Satz ist dafür ein gutes Beispiel: „Ein labbriges Sandwich mit wässrigem Schinken aus der Polizeikantine in Le Havre hatte Leblanc zu sich genommen.“ Ich habe ihn einem Krimi entnommen. Hier hat die Autorin mangels Sprachgefühl Objekt und Subjekt des Satzes vertauscht und damit ein “labberiges Sandwich” zum Mörder gemacht, gleichzeitig aber eine ebenso witzige wie zum Nachdenken anregende Stilblüte geschaffen. 

Auch der so genannte “weiße Schimmel”, ein Pleonasmus, ist eine oft ärgerliche Stilblüte. Aus demselben Buch wie das menschenfressende Sandwich stammt dieses Beispiel: „Wie ein ständig sich abspulender Film tauchte eine Szene in Endlosschleife in seinem Kopf auf.“

Im Gegensatz zum Tippfehler mit seiner oft witzig daherkommenden Aussage sind die Beispiele oben einerseits Zeichen von Nachlässigkeit in der Korrektur gleich von mehreren Bearbeitern des Manuskriptes und gleichzeitig auch Hinweise auf Mängel in Grammatik und Semantik seines Handwerks. Oder, das wage ich gar nicht weiter zu denken, bewusste Gleichgültigkeit gegenüber der Intelligenz der Leser.

Ein Tippfehler, der als Ergebnis verdrehte Buchstaben haben kann, wie <dun>, <nud> statt <und> mag dahingehen. Der zeigt nur, dass das Denken des Autors von seinen Fingern überholt wurden. Manchmal sind es auch Scherze eines Schriftsetzers. Ich erinnere mich, vor vielen Jahren einen Artikel über die Wiederansiedlung von Hechten in einem Berliner See geschrieben zu haben. Die Überschrift lautete: “Im XY-See laichen wieder die Hechte”. Ein Schriftsetzer machte daraus “Im XY-See lachen wieder die Hechte”, was wiederum bei den Lesern Gelächter verursachte. Wie eine nachträgliche Recherche ergab, gingen die Hechte selbst mit einem großzügigen Flossenschlag darüber hinweg.

Eine “Liebeserklärung an den Tippfehler” schrieb am 17. Juni 2019 Angela Schader in der NZZ. Hier der Link: https://www.nzz.ch/feuilleton/liebeserklaerung-an-einen-tippfehler-ld.1487583?mktcid=nled&mktcval=106_2019-06-17&kid=nl106_2019-6-17 

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